Normalität

Heute habe ich Christina getroffen. Christina und ich kennen uns aus einem Klinikaufenthalt. 2014 war das, glaube ich. Seitdem ist viel passiert und wir hatten beide gute und weniger gute Phasen. Christina wird nun im Januar erneut in eine Klinik gehen. Das unterstütze ich sehr, auch weil ihr Gewicht nun schon seit längerem bedrohlich niedrig ist. Ich kenne es nicht genau, würde ihren BMI aber höchstens auf 14 schätzen. Eher noch 13. Das entspräche bei einer Größe von 1.70 m einem Gewicht von etwa 40 kg. Dementsprechend krank und schwach sieht sie auch aus. Christina erzählte mir nun von ihrer Angst, Freunden und Familie von dem geplanten Aufenthalt zu erzählen. Insbesondere ihren Eltern. Sie erklärte, dass sie Angst davor habe, auf Unverständnis und Unglaube zu stoßen. Unverständnis, weil niemand verstehen würde, dass bei ihr der Bedarf für eine solche Intervention besteht. Unglaube, weil niemand glauben würde, dass das wirklich nötig sei. Ich war perplex. Selbst jemand, der absolut keine Ahnung von Essstörungen hat, würde sehen, dass sie stark unterernährt ist. Und Hilfe braucht. Und eine Behandlung unterstützen. Nicht aber ihre Eltern, die sie und ihre Krankheit seit Jahren begleiten und schon so viel miterlebt haben? Nein, ihre Eltern genau aus diesem Grund erstmal nicht. Weil sie sich daran gewöhnt haben. Sie haben sich daran gewöhnt, eine kranke, unterernährte Tochter zu haben. Sie haben sich daran gewöhnt, dass Christina kaum bis wenig isst. Aktuell läuft es doch sogar ganz gut, sagen sie. Christina nimmt wenigstens nicht ab, zumindest sieht es nicht so aus. Und jetzt in der Weihnachtszeit waren sie sogar schon mal zusammen einen Glühwein trinken. Etwas, das Christina sich nicht immer erlauben kann.

Ich kenne das natürlich. Diese Normalität, die sich einschleicht. Dieses Abfinden mit der Krankheit. Und ich kann auch verstehen, dass Angehörige nach Jahren, manchmal Jahrzehnten, nicht mehr die Kraft haben für die Gesundheit der/des Kranken zu kämpfen. Dass sie sich an Strohhalme klammern und das Gesamtbild aus dem Blick verlieren. Aber genau das ist so gefährlich. Denn es vermittelt uns das Gefühl, eigentlich gar nicht so krank zu sein. Keine Hilfe zu brauchen. Wenn niemand mehr etwas sagt, wenn niemandem mehr der schreckliche Zustand auffällt, wenn sogar Unverständnis für einen Klinikaufenthalt geäußert wird, dann ist das ein verheerendes Signal.

Ich habe Christina gesagt, dass etwas, das normal ist, noch lange nicht gut sein muss. Nur weil etwas normal ist, heißt das nicht, dass es nicht einer Veränderung bedarf. Im Gegenteil, manchmal sind die ganz normalen Dinge, genau jene, bei denen es sich näher hinzuschauen lohnt. Denn Normalität ist nicht a priori gegeben, sie wird geschaffen. Und kann deshalb verändert und korrigiert werden. Ich hoffe, dass Christina irgendwann den Mut finden wird, ihre Normalität und dadurch auch die ihrer Eltern, zu ändern.


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